Ein Loch voller Monster

Wenn abends der Vollmond über Urquart Castle steht und die Dudelsäcke klingen, steigt "Nessie" aus den Fluten des Loch Ness empor und schlürft genüsslich seinen Whisky.
Dr. Bernd Rothmann hatte 1983 einige Informationen über das legendäre Ungeheuer vom Loch Ness für den "Sporttaucher" zusammengetragen. Immerhin hatte der Rummel um dieses Monster 1983 50-jähriges Jubiläum.

 

Grouper, Haie und Mantas, ja sogar Walhaie und Wale füllen die Seiten der Tauchzeitschriften. Ihre letzten Geheimnisse werden nach und nach aufgeklärt. Eigentlich sind uns diese "Ungeheuer" des Meeres schon recht vertraut. Man lässt sich von ihnen durchs Wasser tragen und füttert sie mit der Hand.
Aber es gibt noch ein Wesen, das von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben ist; ein Wesen, von dem man nicht einmal sicher weiß, ob es existiert: "Nessie", das Majestic MacMonster, das Ungeheuer von Loch Ness!

Bereits in grauer Vorzeit wurden nicht nur im Loch Ness, sondern auch in einigen anderen schottischen Seen Monster gesichtet. Eine erste schriftliche Notiz von "Nessie" findet sich in der Biographie des St. Columban aus dem Jahre 565 A.D. Aber erst zwei Fotos aus den dreißiger Jahren brachten "Nessie" ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit.
Das erste Bild von 1933 war recht undeutlich. Die zweite Fotografie jedoch, die im April 1934 von einem Londoner Arzt, Kenneth Wilson, aufgenommen worden war, zeigt die Silhouette eines Bilderbuch-Seeungeheuers! Dieses Bild gab zu Spekulationen Anlass, Nessie sei ein Plesiosaurus, d. h. ein schwimmender Dinosaurier, der das Aussterben seiner Art vor etwa 65 Millionen Jahren glatt verschlafen hat.



links: Skizze nach der Fotografie von K. Wilson (1934). Handelt es sich um "Nessie" oder um einen abtauchenden Fischotter?    rechts: So etwa hat der vor ca. 65 Millionen Jahren ausgestorbene Plesiosaurus ausgesehen.

Mehrere Expeditionen wurden in den letzten fünf Jahrzehnten gestartet, um "Nessie" aufzuspüren und sein Geheimnis zu lüften. Ausführliche Beobachtungen vom Land aus, Suchaktionen mit einem Klein-U-Boot, vollautomatische Unterwasserkameras und viele andere Anstrengungen brachten zwar oft rätselhafte Beobachtungen, aber keinen eindeutigen Beweis für die Existenz von "Nessie".

Als im Sommer 1976 eine amerikanische Forschergruppe nach Knochen und anderen Überbleibseln großer Wassertiere, die möglicherweise im Loch Ness lebten, suchten, fanden sie ein ganz anders geartetes Monster, nämlich ein großes Flugzeug. Dieses wurde zuerst für ein Wasserflugzeug vom Typ Catalina gehalten; ein Team der Heriot-Watt-Universität von Edinburgh konnte die Maschine als Mk 1A Wellington-Bomber identifizieren, der Sylvester 1940 dort abgestürzt war. Dieser Fund ist deshalb erwähnenswert, weil von den elfeinhalbtausend Wellington-Bombern des Zweiten Weltkrieges nur noch zwei Stück existieren, einer im Museum von Hendon und der im Loch Ness. Leider liegt der Bomber in 70 Metern Tiefe, also zu tief für verantwortungsbewusste Sporttaucher.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von interessanten Theorien bezüglich der Identität des Ungeheuers vom Loch Ness: Nessie wurde meist bei schlechten Sichtverhältnissen beobachtet, z.B. in der Dämmerung. Dabei mag die Phantasie manchem Beobachter einen Streich bezüglich der Größe des Monsters gespielt haben. Die Schätzungen liegen zwischen 12 und 30 Metern Länge. Inzwischen ist es als nur natürlich anzusehen, dass jeder Wanderer, der eine ungewöhnliche Beobachtung auf einem der großen schottischen Lochs macht, überzeugt ist, ein Monster gesehen zu haben. Und das war selbstverständlich riesengroß. Meist dürfte es für diese Beobachtungen jedoch wenig dramatische Erklärungen geben.

So stellte Dr. M. Burton eine These auf, bei vielen der Nessie-Erscheinungen habe es sich vermutlich um sehr große Fischotter gehandelt, wie sie im Loch Ness vorkommen. Otter sind sehr verspielt, sie tauchen auf und ab und drehen sich auf den Rücken. Die in die Höhe gereckten Vorderpfoten sehen aus wie die giraffenähnlichen Hörner eines Ungeheuers. Der in Wilsons Fotografie wiedergegebene Hals ähnelt stark dem hochgereckten Schwanz eines abtauchenden Otters. Die Jungen einer Ottermutter pflegen oft in einer Reihe hinter ihrer Mutter herzuschwimmen. Dies ist eine Erklärung für vermeintliche Beobachtungen von schlangenähnlichen Monstern.

1960 wurde Nessie sogar gefilmt. Auf dem Film ist zu sehen, wie Nessie - oder was dafür gehalten wird - den gleichen Weg nimmt, auf dem häufig Motorboote den See überqueren. Es gilt heute als sicher, dass das auf dem Film abgebildete "Seeungeheuer" ein beladenes Motorboot war.
Auslaufende Bugwellen der größeren auf dem See verkehrenden Motorjachten können leicht mit einer Seeschlange verwechselt werden. Diese Wellen bewegen sich noch über den See, wenn sich das Schiff bereits weit entfernt hat.

Eine andere Erklärung für Nessie-Erscheinungen beruhen darauf, dass Teile des Seegrundes mit abgestorbenen, faulenden Pflanzenteilen bedeckt sein können. Wenn sich unter den relativ dichten Teppichen Fäulnisgase bilden, so reißen diese oftmals große Stücke verrotteter Vegetation mit an die Oberfläche, die dort in einem Schwall von Schaum und Blasen auftauchen.
R. P. Craig stellte kürzlich eine weitere Theorie auf, mit der die Beobachtungen von Seeungeheuern erklärt werden könnten. Craig stellte fest, dass die meisten Monster-Erscheinungen in sehr tiefen Lochs stattfanden, an deren Ufern heute oder in früheren Zeiten Nadelbäume (Pinus sylvestris) standen. Wenn solche Nadelbäume auf den Grund der Seen gesunken sind, entstehen in ihrem Innern Zersetzungsgase, die größere Blasen bilden. Diese wirken, wenn sie groß genug geworden sind, als Auftriebskörper. Der Stamm steigt infolge des abnehmenden Außendruckes immer schneller nach oben. Auf den letzten Metern explodieren die Gasblasen und der Baumstamm erscheint inmitten von brodelndem Wasser an der Oberfläche. Durch den Schwung des Auftriebs wird der Stamm auf dem Wasser noch eine erhebliche Strecke weitergetrieben. "Nessie" ist wieder einmal aufgetaucht. Da das Gas aus dem Stamm entwichen ist, sinkt er bald wieder auf den Grund zurück.

Für einige Nessie-Fotografien gibt es aber eine noch einfachere Erklärung: Spaßvögel oder Fälscher waren am Werk. So gab es z. B, 1960 eine Fotografie, von der der Fotograf behauptete, dass sie ein 15 in langes Seeungeheuer darstellte. Fachleute halten das auf dem Bild dargestellte Ding für einen aufgeblasenen Plastiksack, an dem als Hals ein Ast befestigt wurde. Und auch das zu diesem Artikel gehörende Foto entstand in einem der hiesigen Seen und nicht in Schottland.

All diesen Theorien und Erklärungen zufolge ist es also möglich, dass es gar kein Ungeheuer vom Loch Ness gibt. Meiner Meinung nach wäre das sehr schade, die Presse wäre um eine Sensation ärmer. Aber glücklicherweise gibt es auch ernstzunehmende Forschungsergebnisse, die auf die Existenz großer, bisher nicht identifizierter Lebewesen im Loch Ness hinweisen.

1968 wurde mit einem Sonargerät zum ersten Male eindeutig ein Objekt festgestellt, das sich in größerer Tiefe mit einer Geschwindigkeit von 3,3 m/s bewegte.
In der Zeit von 1972 bis 1975 wurden mit Unterwasserkameras undeutliche Fotos von delphinartigen Wesen aufgenommen. Infolgedessen bekam Nessie sogar einen wissenschaftlichen Namen: "Nessiteras rhombopteryx".
1981 und 1982 erbrachte das Loch Ness Project neueste, phantastische Ergebnisse: 1500 Sonarbetriebsstunden führten zu ca. 40 Kontakten in größerer Wassertiefe als 60 m. In dieser Tiefe halten sich normalerweise keine gewöhnlichen Fische mehr auf. Außerdem deuteten die Sonarechos auf wesentlich größere Objekte als die im See vorkommenden Fische hin. Die Forscher wiesen ausdrücklich darauf hin, dass es sich dabei nicht um Gasblasen oder Baumstämme gehandelt haben konnte, zumal sich die Sonarechos mit Geschwindigkeiten um 3 km/h horizontal vorwärts bewegten.

Es gibt einige Gründe, die für die Anwesenheit eines oder mehrerer großer Lebewesen im Loch Ness sprechen: Ein wenige Kilometer langer Fluss verbindet Loch Ness mit dem Meer. Das Loch ist reich an Lachsen, Forellen, Karpfen, Aalen und anderen Fischen, die sich dank des sehr hohen Sauerstoffgehaltes des Wassers auch in sehr großen Tiefen von 30 bis 40 m aufhalten und einem "Monster" als Nahrung dienen können. Loch Ness zählt zu den sog. oligotrophen Gewässern und hat auch an seinen tiefsten Stellen noch genug Sauerstoff, um tierisches Leben zu ermöglichen.

Ich möchte den Artikel mit den Worten von Adrian Shine, dem Leiter des Loch Ness Projects, schließen: "Wir können nicht sagen, ob ein Monster existiert oder nicht. Wir wissen aber genug um zu sagen, es könnte existieren. Wir können auch sagen, dass, wenn es große Lebewesen im Loch Ness gibt, sie dann auf dem Sonar genauso erscheinen würden, wie wir sie aufgezeichnet haben."

Die Schottlandkarte links zeigt einige Lochs, in denen bereits Monster beobachtet wurden. Loch Ness ist von der Wassermenge her der größte englische Binnensee. In Anbetracht der großen Tiefe von 230 Metern ist es nicht verwunderlich, dass noch niemand ein Monster unter Wasser zu sehen bekommen hat. Loch Ness ist 35 km lang, 1,6 km breit und mit seinen 230 m Tiefe das zweittiefste schottische Loch. Nur Loch Morar ist tiefer, in ihm wurden 310 m ausgelotet. Diese Lochs sind somit erheblich tiefer als die jeweils nur wenige Kilometer entfernte küstennahe Nordsee.

Bernd Rothmann

 erschienen im Sporttaucher, 5/83, Seite 15

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